Sanft wirksame Phytoöstrogene bei Endometriose

Können Phytoöstrogene bei Endometriose wirken? Was sind Phytoöstrogene eigentlich? Wie wirken sie, in welchen Lebensmitteln stecken sie und wie können Phytoöstrogene Frauen helfen?

Phytoöstrogene: pflanzlicher Hormonersatz?

Phytoöstrogene bei Endometriose

Sojaprodukte sind eine gute Quelle für Phytoöstrogene

Phytoöstrogenen sind Stoffe aus Pflanzen, die menschlichen Geschlechtshormonen ähneln und mit der Ernährung aufgenommen werden können.

Phytoöstrogene sind keine echten, menschlichen Geschlechtshormone, können aber im menschlichen Körper sehr ähnliche Wirkung haben, wenn diese über die pflanzliche Nahrung aufgenommen werden. Phytoöstrogene können gezielt über die Ernährung oder als Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel in den menschlichen Hormonhaushalt eingreifen.

Phytoöstrogene: pflanzliche Hormone?

Auch, wenn Phytoöstrogene nach Hormonen klingen, so sind sie strenggenommen keine Hormone, sondern nur pflanzliche Stoffe, die diesen menschlichen Geschlechtshormonen ähneln. Es gibt verschiedene Phytoöstrogene. Relativ bekannt sind die Isoflavone und Lignane, eine dritte Klasse sind die Coumestane.

Phytoöstrogene

Phytoöstrogene docken an den für weibliche Geschlechtshormone vorgesehenen Rezeptoren im Körper an.

Phytoöstrogene haben die Fähigkeit, im menschlichen Körper an die eigentlich für Östrogene vorgesehenen Rezeptoren anzudocken und somit ganz ähnlich  wie „echte“ Geschlechtshormone zu wirken. [8] Allerdings wirken sie schwächer als das körpereigene Östrogen. Daher wird vermutet, dass sie bei geringen Östrogenspiegeln eine Östrogenähnliche Wirkung haben. Bei besonders hohen Östrogenspiegeln konkurrieren sie wahrscheinlich allerdings mit dem stärker wirkenden körpereigenen Östrogen um die Rezeptoren, nehmen ihnen den Platz weg und können dadurch den Östrogeneinfluss verringern. Dies kann man sich zunutze machen, wenn man gezielt Lebensmittel verzehrt, die Phytoöstrogene enthalten. Allerdings fehlen vor allem bei Endometriose noch aussagekräftige Forschungsergebnisse.

In welchen Lebensmitteln sind Phytoöstrogene enthalten?

Ein sehr bekanntes Beispiel sind die Phytoöstrogene aus Soja, aber auch andere Lebensmittel wie zum Beispiel Leinsamen oder Hopfen enthalten Phytoöstrogene. Auch Getreide und manche aus Getreide hergestellte Produkte enthalten diese sekundären Pflanzenstoffe, jedoch lässt sich keine pauschale und verlässliche Aussage treffen, wie viel Phytoöstrogene in welchem pflanzlichen Lebensmittel enthalten sind, weil dies von vielen Faktoren (Standort, Boden, Klima, Erntezeitpunkt, Sorte, Reife…) abhängt.

Wie werden Phytoöstrogene genutzt?

Phytoöstrogene

Rotklee enthält besonders viele Phytoöstrogene

Phytoöstrogene werden seit Jahrhunderten traditionell zum Beispiel zu Verhütungszwecken verwendet, jedoch erst seit etwa 100 Jahren wissenschaftlich erforscht. Wie bei fast allem kann man auch bei Phytoöstrogenen sagen: „die Menge macht’s!“. Es gibt Nahrungsergänzungsmittel, die diese „Pflanzenhormone“ in konzentrierter Form enthalten und welche gerne von Frauen gegen Wechseljahrsbeschwerden eingenommen werden. Das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) und die European Food Safety Authority (EFSA) raten jedoch dazu, diese Mittel nur in der vorgeschriebenen Dosierung zu verwenden und diese keinesfalls eigenmächtig zu erhöhen.

Eine über eine normale Ernährung aufgenommene Menge an Phytoöstrogenen jedoch wird als förderlich für die Gesundheit erachtet und so wird insbesondere Frauen in den Wechseljahren empfohlen, über ihre Ernährung vermehrt Phytoöstrogene aufzunehmen, um weniger Beschwerden in den Wechseljahren zu erleiden und ihr Osteoporoserisiko zu senken. Das BfR weist jedoch darauf hin, dass es keine gesicherte Datenlage zur ausschließlich positiven Wirkung der Phytoöstrogene gibt und rät deshalb von einer langfristigen Einnahme über Nahrungsergänzungsmittel ab.

Forschungen haben gezeigt, dass Soja und Rotklee besonders reich an den beiden Isoflavonen Genistein und Daidzein sind. Diese beiden Phytoöstrogene haben sich in Studien in ihrer Wirkung als besonders ähnlich zu „echten“ Hormonen erwiesen.

Phytoöstrogene bei Wechseljahrsbeschwerden

Phytoöstrogene

Phytoöstrogene helfen traditionell bei Wechseljahrsbeschwerden

Phytoöstrogene werden gerne als pflanzliche Alternative zu Hormonpräparaten in der Menopause verwendet und sind nach traditioneller Überlieferung sanft wirksam bei leichten Wechseljahrsbeschwerden wie zum Beispiel Hitzewallungen, Herzrasen oder psychischen Verstimmungen, Schlafstörungen, Gelenk- und Muskelschmerzen sowie trockener Vagina. [5] Insbesondere bei Hitzewallungen sind sie eine gute und nebenwirkungsarme Alternative zu Hormonpräparaten. [6] Es wird angenommen, dass Phytoöstrogene auch auf Inkontinenz positive Auswirkungen haben und das Arteriosklerose- und Herzinfarkt-Risiko senken. Bewiesen ist dies jedoch alles bisher nicht eindeutig, [3]

Phytoöstrogene gegen Osteoporose

Insbesondere die Isoflavone konnten in Studien zeigen, dass sie das Fortschreiten von Osteoporose nach der Menopause deutlich verlangsamen und die Knochendichte um bis zu 54% steigern. Diese pflanzlichen „Ersatzhormone“ sind in ihrer Wirkung vergleichbar mit Präparaten, die Östrogen enthalten und dadurch in den Knochenstoffwechsel engreifen. Da jedoch die Dosierung von Heilmitteln auf Basis von Phytoöstrogenen vom körpereigenen, in der Menopause sich verändernden Hormonspiegel abhängt, gibt es bis heute keine eindeutigen Empfehlungen hinsichtlich einer wirksamen Dosierung. Eine erhöhte Zufuhr über die normale Ernährung ist aber im Hinblick auf Osteoporose sinnvoll. [2]

Helfen Phytoöstrogene vorbeugend gegen Brustkrebs?

Brustkrebs

Asiatinnen haben ein 25 geringeres Risiko für Brustkrebs. Ob das an der erhöhten Aufnahme von Phytoöstrogenen liegt?

Es gibt Studien, die zeigen, dass Asiatinnen, die regelmäßig Sojaprodukte verzehren, ein um 25% geringeres Risiko haben, an Brustkrebs zu erkranken. Die Datenlage hinsichtlich einer vorbeugenden Wirkung von Phytoöstrogenen auf die Entstehung von Brustkrebs ist jedoch noch widersprüchlich und nicht eindeutig. [13], [1]

In Laborversuchen mit Ratten konnte bei einer vergleichsweise hohen Dosierung von Isoflavonen aus Soja eine hemmende Wirkung auf das Wachstum von Krebszellen beobachtet werden. In geringeren Konzentrationen zeigten sich im Tierversuch mit Mäusen aber ganz im Gegenteil wachstumsfördernde Effekte auf Krebszellen! Es ist nach heutigem Stand der Forschung bisher noch nicht möglich, eine eindeutige Aussage zu treffen, welchen Einfluss Phytoöstrogene bei Brustkrebs haben. [4]

Wirken Phytoöstrogene bei Endometriose?

Da bei Endometriose das Ziel ist, den Östrogeneinfluss zu minimieren hört es sich zunächst unlogisch an, dass Phytoöstrogene hilfreich sein könnten. Ein erhöhtes Risiko für Endometriose bei erhöhtem Phytoestrogenverzehr konnte aber nicht nachgewiesen werden. [7] Andere Untersuchungen zeigten einen schützenden Effekt, der aber noch in großen Studien bestätigt werden muss.

Da Phytoöstrogene bei hohen Östrogenspiegeln auch ein antiöstrogener Effekt nachgesagt wird [9] , liegt die Vermutung nahe, dass diese Pflanzenwirkstoffe auch positiv regulierend auf die Endometriose oder die Besserung der Symptome wirken könnten. Tatsächlich gibt es wenige, zum Teil Tierversuchsstudien, die einen möglichen Zusammenhang von einer Phytoöstrogen-reichen Ernährung und Endometriose untersucht haben. [12]

Die Ergebnisse dieser Forschungen sind vielversprechend: je mehr Phytoöstrogene über die Nahrung aufgenommen wurden, desto besser. Auch das Wachstum der Endometrioseherde [10] konnte im Tierversuch durch die Gabe von Phytoöstrogenen (Resveratrol) signifikant verlangsamt werden. [11] Im Blut sank die Konzentration der Entzündungsmarker und es stieg die Menge an positiven Botenstoffen des Immunsystems. Mehr zu Resveratrol: Wie Resveratrol bei Endometriose wirkt

Es ist also nach derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sinnvoll, vermehrt Phytoöstrogene über die Nahrung aufzunehmen, wenn wie bei Endometriose eine östrogendominante Situation vorliegt. Da aber durch viele hormonelle Verhütungsmittel der Östrogenspiegel gesenkt wird, ist fraglich, ob der positive Effekt dann auch auftritt.

Ein negativer Einfluss von Phytoöstrogenen in Mengen, die durch die Nahrung aufgenommen werden konnte bisher bei Endometriose nicht nachgewiesen werden.

Tabletten

Phytoöstrogene in Tablettenform sind in Deutschland verschreibungspflichtig.

Risiken und Nebenwirkungen

Die Wirkung von Phytoöstrogenen ist wissenschaftlich noch nicht abschließend erforscht. Obwohl es sich um pflanzliche Wirkstoffe handelt, gibt es auch unerwünschte Effekte. Eine bekannte Nebenwirkung kennt jeder: weil Hopfen Phytoöstrogene enthält, wachsen bei Männern nach langfristigem, erhöhten Bierkonsum die Brustdrüsen. Es kommt also tatsächlich auf die Menge an!

Unter den unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen finden sich mögliche krebsfördernde Wirkungen, das Risiko schädlicher Wirkung auf die Schilddrüse mit Kropfbildung, allergische Reaktionen und mehr.

Das BfR listet folgende möglichen Komplikationen auf: „Rhinitis, Spannung der Haut, Schwellung nicht näher beschrieben, Allergie, Ödem lokal, Rötung Haut/Schleimhaut; Juckreiz, Flush, Exanthem, Schwellung Haut/Schleimhaut, Ekzem, Muskelschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Urtikaria, systolischer und diastolischer Blutdruck erhöht, Atemnot, Kribbeln, Bauchschmerzen, Schmerzen nicht näher beschrieben, Hautauschlag, Tachykardie, Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Tachypnoe, Fertilitätsstörung, Müdigkeit, Husten, Auswurf, Unruhe, Unwohlsein, Schweißausbruch, Angst, Thoraxschmerzen, Parästhesie, Präcordialschmerz.“

Die Einnahme von Phytoöstrogenen als Tabletten kann daher nicht empfohlen werden.

Phytoöstrogene in der Ernährung nutzen

Leinöl

Auch heimische Lebensmittel wie Leinsamen sind reich an Phytoöstrogenen.

Medikamente auf Basis von Phytoöstrogenen sind in Deutschland verschreibungspflichtig und sollten keinesfalls ohne ärztliche Beratung eigenommen werden. Asiatinnen nehmen mit ihrer täglichen Ernährung rund 15-50mg Isoflavone auf, Europäerinnen nur etwa 2mg. Nahrungsergänzungsmittel auf Basis isolierter Isoflavone enthalten jedoch Tagesdosen zwischen 40 und 250mg und somit oft ein Vielfaches der über die Ernährung möglichen Dosis, sodass bei Phytoöstrogen-reicher Ernährung vergleichsweise behutsam und mit geringem Potential für Nebenwirkungen in den menschlichen Hormonhaushalt eingegriffen wird.

Wer den Hormonhaushalt sanft mit Phytoöstrogenen regulieren möchte, kann durch die Ernährung ganz ohne Medikamente positive Effekte erreichen. Eine Ernährung, die reich an Phytoöstrogenen ist, kann jedoch nicht als alleinige Therapie genutzt werden, sondern nur als Ergänzung und Bestandteil einer gesunden und ausgewogenen, gesundheitsfördernden Lebensweise.

Eine einfache Maßnahme ist, tierische Milch durch Sojamilch zu ersetzen und oder statt Fleisch Sojaprodukte aus z.B. Tofu auf den Speiseplan zu setzen. Darüber hinaus kann man auf heimische Pflanzen setzen und beispielsweise Leinöl für den Salat verwenden, Leinsamen in Backwaren bevorzugen oder über das Müsli streuen. Warum Leinöl grundsätzlich super ist, erfährst du hier: Omega-3 Fettsäuren bei Endometriose. Vollkornprodukte oder Getreidekleie enthalten auch viele der hormonell wirksamen Pflanzenstoffe, sodass Vollkornprodukte auch unter diesem Gesichtspunkt gesünder sind als Lebensmittel aus Weißmehl.

Auch andere Hülsenfrüchte enthalten „Pflanzenhormone“, jedoch ist die Konzentration in Sojabohnen besonders hoch. Ein kräftiger Linseneintopf, eine Bohnensuppe oder ein deftiger Erbseneintopf sind typisch mitteleuropäische Varianten, um Phytoöstrogene auf den Teller zu bringen und auch generell gesund.

Zusammenfassung:

Die Wirkung von Phytoöstrogenen ist noch nicht allumfassend erforscht. Insbesondere im Hinblick auf Wechseljahrsbeschwerden und Prävention von Brustkerbs gibt es widersprüchliche Forschungsergebnisse. Es gibt jedoch Hinweise, dass ein erhöhter Konsum von Phytoöstrogenen über die tägliche Ernährung (und nicht über Nahrungsergänzungsmittel) Endometriose positiv beeinflussen kann, indem der Östrogeneinfluss vermindert wird. Die Forschungsergebnisse sind allerdings noch spärlich.  Tabletten mit Phytoöstrogenen sollte bei Endometriose daher eher nicht eingesetzt werden! Wer möchte, kann Phyotöstrogenreiche Nahrungsmittel in den Speiseplan einbinden. Viele davon sind zudem auch allgemein gesunde Lebensmittel.

Referenzen

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Silke Neumann (zertifizierte Ernährungsberaterin)
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