Schilddrüsenunterfunktion und Endometriose

Die Schilddrüse nimmt mit Blick auf gynäkologische Erkrankungen eine Schlüsselfunktion ein. Bei Frauen mit Endometriose liegt nicht selten eine Fehlfunktion des Schmetterlingsorgans vor. Beispiele aus der Praxis zeigen, dass hormonelle Abweichungen zu Unstimmigkeiten im weiblichen Zyklus führen und eine Unfruchtbarkeit begünstigen können. Ich möchte mich mit dir heute auf die Spuren der Schilddrüsenunterfunktion begeben. Lass uns gemeinsam entdecken, welchen Zusammenhang es zwischen der Schilddrüsenunterfunktion und der Endometriose gibt und ob das Auswirkungen auf die Endometriose-Therapie hat.

Wie die Schilddrüsenhormone den Zyklus beeinflussen

Die Schilddrüse ist eine Hormondrüse, die sich im vorderen Halsbereich befindet. Häufig wird sie auch als Schmetterlingsorgan bezeichnet, da die Seitenlappen an Schmetterlingsflügel erinnern. Das Organ beeinflusst Deinen Stoffwechsel und übernimmt wichtige regulatorische Funktionen im Körper. [1]  Dazu gehört auch ein Eingriff in den weiblichen Zyklus und die Fortpflanzung. Mediziner beobachten immer wieder, dass selbst leichte Abweichungen in der Schilddrüsenaktivität tiefgreifende Störungen im Zyklus hervorrufen können. Auch die Fruchtbarkeit kann dadurch herabgesetzt werden. Schließlich kann durch eine Unterfunktion nicht nur der Menstruationszyklus gestört sein, sondern auch die Reifung der Eizellen. [2]

Folgende Schilddrüsenhormone gibt es:

  • Trijodthyronin (Thyroxin oder T3)
  • Tetrajodthyronin (T4)

Gut zu wissen!

Die Schilddrüsenhormone T3 und T4 werden in den Follikelepithelzellen innerhalb der Schilddrüse produziert. An der bedarfsgerechten Ausschüttung ist die Hirnanhangsdrüse beteiligt. Sie bestimmt, welche Hormonmenge die Schilddrüse verlässt und ins Blut abwandert. [1] 

Schilddrüsenunterfunktion und Endometriose: gibt es einen Zusammenhang?

Die Schilddrüse wird auch Schmetterlingsorgan genannt.

Die US Endometriosis Association gibt an, dass bei Personen mit einer Endometriose sechsmal so oft eine Schilddrüsenunterfunktion vorliegt.[3]  Obwohl diese Annahme einen deutlichen Zusammenhang nahelegt, ist bisher nicht viel über die Verbindung zwischen Schilddrüsenerkrankungen und Endometriose bekannt. Das liegt daran, dass zunächst ein komplexes Zusammenspiel erforscht werden muss. Wissenschaftler haben sich damit bereits beschäftigt und erste spannende Wechselwirkungen entdeckt.

  1. Schilddrüsenhormone beeinflussen das Zellwachstum und die Beschaffenheit der Gebärmutterschleimhaut. [4,5,6]
  2. Im Blut ausgewählter Endometriose-Patientinnen lassen sich verschiedene Antikörper (Abwehrstoffe), unter anderem gegen die Gebärmutterschleimhaut, nachweisen. Zwar handelt es sich bei der Endometriose nicht um eine Autoimmunerkrankung, allerdings lassen sich durchaus Parallelen erkennen. So beeinflusst die Erkrankung beispielsweise ebenfalls das Immunsystem. Auch mit Blick auf die Schilddrüse gibt es Autoimmunerkrankungen. Dazu zählen Hashimoto Thyreoiditis oder Morbus Basedow. [7,8]
  3. Endometrioseläsionen reagieren womöglich unterschiedlich auf Schilddrüsenhormone, die im Körper zirkulieren. Forscher stellten fest, dass die Läsionen einen anderen Schilddrüsenstoffwechsel besitzen. Das kann dazu führen, dass die Wirkung des Schilddrüsenhormons T3 herabgesetzt ist, wodurch sich wiederum T4 anhäufen kann. Womöglich könnte das zu einem vermehrten Wachstum von Endometriosegewebe führen.[9] 

Vorsicht Verwechslungsgefahr: Symptome von Schilddrüsenunterfunktion und Endometriose

Zwar handelt es sich bei einer Schilddrüsenunterfunktion und einer Endometriose um gänzlich verschiedene Erkrankungen, die Beschwerden ähneln sich aber durchaus. Deshalb ist es wichtig, während der Diagnose mit viel Sorgfalt die Symptome auseinanderzuhalten.

Folgende Symptome ähneln sich, bzw. können bei beiden Erkrankungen auftreten: [10]

  • Regelbeschwerden (zyklusabhängige Blutungsstörungen oder Schmerzen)
  • Verstopfung
  • Fatigue (starke Müdigkeit, Energielosigkeit)
  • depressive Stimmung
  • Probleme mit der Fruchtbarkeit
  • schlechte Schlafqualität
  • Kribbeln, Taubheitsgefühle oder Schmerzen, beispielsweise an den Beinen

Die Schilddrüsenunterfunktion hat natürlich zusätzlich noch weitere Symptome, wie beispielsweise eine Vergrößerung der Schilddrüse, erhöhte Kälteempfindlichkeit und Gewichtszunahme.

Sonderfall: Hashimoto Thyreoiditis

Die Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) wird in ca. 90 % der Fälle von einer sogenannten Hashimoto-Thyreoiditis verursacht. Das ist eine Autoimmunerkrankung, die dazu führt, dass der Organismus Abwehrstoffe gegen die Schilddrüsenbestandteile produziert. Ein verheerender Mechanismus, denn dadurch entzündet sich das Schmetterlingsorgan – eine Schilddrüsenunterfunktion tritt ein. Die Hashimoto Thyreoiditis ist keineswegs selten. Mittlerweile haben sogar 4,6 % aller Personen eine leichte Form und merken es nicht. [11,12] Doch wo ist die Verknüpfung zwischen der Autoimmunerkrankung und der Endometriose? Ich habe für Dich die Studienlage geprüft und bin auf einen interessanten Fakt gestoßen. So gibt es Beobachtungen, wonach unfruchtbare Frauen deutlich öfter mit einer Schilddrüsen-Autoimmunerkrankung zu kämpfen haben. Besonders deutlich war der Unterschied bei Frauen mit Endometriose und dem polyzystischen Ovarialsyndrom.[13]

Warum dies so ist, ist noch Gegenstand der Forschung.

Gut zu wissen!

Wenn eine Endometriose vorliegt, kann häufig eine sogenannte Östrogendominanz beobachtet werden. Das bedeutet, dass zu viele weibliche Geschlechtshormone wie Östron und Östradiol vorliegen. Gleichzeitig kommt es in der Regel zu einem Progesteronmangel bzw. einer Progesteronresistenz, wobei das bestehende Progesteron seine Wirkung nicht voll entfalten kann. Die Schilddrüsenerkrankung Hashimoto geht ebenfalls häufig mit einem Progesteronmangel einher. Sowohl bei einer Endometriose als auch bei einer Schilddrüsenunterfunktion werden Präparate verabreicht, die den Progesteronspiegel beeinflussen.[14,15] 

Bei Endometriose Schilddrüsenwerte im Blick behalten

Bei einer Schilddrüsenunterfunktion werden zu wenig Schilddrüsenhormone hergestellt. Das kann sich entscheidend auf die Fruchtbarkeit auswirken. Da auch Frauen mit einer Endometriose häufig mit einem unerfüllten Kinderwunsch zu kämpfen haben, könnten sich die Chancen auf den Nachwuchs durch das zusätzliche Vorliegen einer Schilddrüsenunterfunktion weiter verringern. Die gute Nachricht ist, dass eine Schilddrüsenunterfunktion behandelt werden kann. Das fehlende Schilddrüsenhormon T3 kann mit einem Medikament ersetzt werden. Bis die Hormonwerte ausbalanciert sind, dauert es jedoch etwa drei Monate. Eine Behandlung kann phasenweise oder lebenslang notwendig sein, je nach Ursache. Als Nebenwirkung können nervöse Zustände auftreten. Das ist in der Regel der Fall, wenn die Dosierung zu hoch ausfällt. Bei der Gabe von Schilddrüsenmedikamenten ist es daher unbedingt notwendig, regelmäßig die Werte (etwa einmal im Jahr, am Anfang häufiger) zu kontrollieren und falls nötig, die Dosierung anzupassen.

Kurz und knapp

Die Schilddrüsenhormone haben unbestreitbar einen wichtigen Einfluss auf den weiblichen Zyklus und die Fruchtbarkeit. Studien weisen darauf hin, dass sie auch bei der Endometriose eine entscheidende Rolle einnehmen können. Schilddrüsenhormone können beispielsweise das Zellwachstum und die Gesundheit der Gebärmutterschleimhaut beeinflussen. Zudem zeigte sich, dass die Endometrioseläsionen einen anderen Schilddrüsenstoffwechsel aufweisen, wodurch das Endometriosegewebe womöglich stärker wachsen könnte. Insbesondere die Hashimoto Thyreoditis, eine Autoimmunerkrankung der Schilddrüse, sorgt für eine Unterfunktion des Schmetterlingsorgans. Sie steht genauso wie eine Endometriose mit einem Progesteronmangel in Verbindung. Durch die Gabe von Progesteron bessern sich in vielen Fällen auch die Schilddrüsenwerte. [14] Bei einer Endometriose ist die Verabreichung von Gestagen das Mittel der Wahl.[16] Das Sexualhormon Progesteron stammt aus der Gruppe der Gestagene und kann in synthetischer Form verabreicht werden.

Durch die verschiedenen Fakten zeigen sich spannende Parallelen zwischen der Schilddrüsenunterfunktion und der Endometriose, die es in Zukunft in Studien näher zu erforschen gilt.

Referenzen

  1. Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Wie funktioniert die Schilddrüse? | Gesundheitsinformation.de
  2. Kinderwunsch Centrum Nürnberg. Die Schilddrüse als gynäkologisches Schlüsselorgan (ivf-nuernberg.de)
  3. Sinaii N, Cleary SD, Ballweg ML, Nieman LK, Stratton P. High rates of autoimmune and endocrine disorders, fibromyalgia, chronic fatigue syndrome and atopic diseases among women with endometriosis: a survey analysis. Hum Reprod. 2002 Oct;17(10):2715-24. doi: 10.1093/humrep/17.10.2715. PMID: 12351553.
  4. Taylor LJ, Jackson TL, Reid JG, Duffy SR. The differential expression of oestrogen receptors, progesterone receptors, Bcl-2 and Ki67 in endometrial polyps. BJOG. 2003 Sep;110(9):794-8. PMID: 14511960.
  5. Scoccia B, Demir H, Kang Y, Fierro MA, Winston NJ. In vitro fertilization pregnancy rates in levothyroxine-treated women with hypothyroidism compared to women without thyroid dysfunction disorders. Thyroid. 2012 Jun;22(6):631-6. doi: 10.1089/thy.2011.0343. Epub 2012 Apr 27. PMID: 22540326; PMCID: PMC3412578.
  6. Aghajanova L, Stavreus-Evers A, Lindeberg M, Landgren BM, Sparre LS, Hovatta O. Thyroid-stimulating hormone receptor and thyroid hormone receptors are involved in human endometrial physiology. Fertil Steril. 2011 Jan;95(1):230-7, 237.e1-2. doi: 10.1016/j.fertnstert.2010.06.079. Epub 2010 Aug 5. PMID: 20691434.
  7. Nothnick WB. Treating endometriosis as an autoimmune disease. Fertil Steril. 2001 Aug;76(2):223-31. doi: 10.1016/s0015-0282(01)01878-7. PMID: 11476764.
  8. Martin Sillem: Endometriose: gutartig, aber gemein: die versteckte Krankheit erkennen und wirksam behandeln, Georg Thieme Verlag, 2003
  9. Peyneau M. et al. Role of thyroid dysimmunity and thyroid hormones in endometriosis. PNAS June 11, 2019 116 (24) 11894-11899; first published May 29, 2019; https://doi.org/10.1073/pnas.1820469116.
  10. Stiftung für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) (gesundheitsinformation.de)
  11. Joseph G. Hollowell, Norman W. Staehling, W. Dana Flanders, W. Harry Hannon, Elaine W. Gunter, Carole A. Spencer, Lewis E. Braverman, Serum TSH, T4, and Thyroid Antibodies in the United States Population (1988 to 1994): National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES III), The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Volume 87, Issue 2, 1 February 2002, Pages 489–499, https://doi.org/10.1210/jcem.87.2.8182
  12. Deutsches Schilddrüsenzentrum GmbH. Entzündungen und Hashimoto – Deutsches Schilddrüsenzentrum (deutsches-schilddruesenzentrum.de)
  13. Poppe K, Glinoer D, Tournaye H, Devroey P, Schiettecatte J, Haentjens P, Velkeniers B. Thyroid autoimmunity and female infertility. Verh K Acad Geneeskd Belg. 2006;68(5-6):357-77. PMID: 17313094.
  14. Prof. Dr. Ingrid Gerhard. Endometriose und Umweltfaktoren-Interview mit Prof. Dr. Schulte- Übbing. Jul 23, 2011 | Endometriose, Ernährung, Hormonstörungen, Umwelt. Endometriose und Umweltfaktoren-Prof. Dr. Schulte-Übbing | Netzwerk Frauengesundheit – Ratgeber für Frauenheilkunde (netzwerk-frauengesundheit.com)
  15. Prof. Dr. Schulte-Uebbing. Hashimoto Thyreoiditis, Östrogen-Dominanz
    und Progesteron-Mangel. Hashimoto Thyreoiditis, Östrogen-Dominanz und Progesteron-Mangel (dr-schulte-uebbing.de)
  16. 015/045 – Diagnostik und Therapie der Endometriose (awmf.org)
Dipl.-Ges.oec. Jennifer Ann Steinort
Letzte Artikel von Dipl.-Ges.oec. Jennifer Ann Steinort (Alle anzeigen)
    Teilen