Gefühle und Schmerzen: Welchen Einfluss haben Gefühle auf Schmerzen – und umgekehrt?

Viele Betroffene mit Endometriose machen die Erfahrung, dass ihre Schmerzen nicht ernst genommen und auf psychische Probleme geschoben werden. Das ist ärgerlich, denn Endometriose ist keine psychosomatische Erkrankung. Wie Schmerzen grundsätzlich entstehen und verarbeitet werden, kannst du hier nachlesen. Doch wie hängen Körper und Psyche, Schmerzen und Gefühle zusammen?

Tatsächlich sind Körper und Geist bei jedem Menschen sehr eng miteinander verbunden. Im Gehirn gibt kein separates Verarbeitungszentrum für körperliche oder seelische Schmerzen, sondern nur eins für alle Belastungen. Durch diese enge Verknüpfung von Körper und Geist werden negative Gefühle nicht nur subjektiv als schmerzhaft erlebt. Sondern sie führen wie körperlicher Schmerz zu einer Aktivierung der Schmerzareale im Gehirn. Simuliert man durch ein Computerspiel, bei dem die Testperson plötzlich nicht mehr mitspielen darf, eine Ausgrenzungssituation, zeigt sich eine Aktivierung der gleichen Gehirnbereiche, die bei körperlichem Schmerz aktiv sind [4]. In einer anderen Studie wurde nachgewiesen, dass die gleichen Gehirnareale aktiv sind, wenn Menschen körperliche Schmerzen haben und wenn sie sich intensiv an die Trennung vom Ex-Partner erinnern [11]. Körperliche und seelische Schmerzen werden also sehr ähnlich verarbeitet. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn sie sich gegenseitig beeinflussen.  Wahrscheinlich hat jeder selbst die Erfahrung gemacht, dass Schmerzen schlimmer sind an einem Tag voller Streit und Stress – im Vergleich zu einem guten Tag voller Freude und Zufriedenheit. Wenn das Belastungs-Zentrum im Gehirn sehr aktiv ist, wird der Schmerz schneller wahrgenommen.

Endometriose tut weh

Außerdem spielt unsere körpereigene Apotheke eine Rolle. Unser Körper bildet Glückshormone, wenn man etwas Schönes macht oder stolz auf sich ist. Die Glückshormone wirken als körpereigene Schmerzmittel, können Schmerzen also verringern. Wenn jemand jedoch ständig Schmerzen hat, ist der Verbrauch an körpereigenen Schmerzmitteln hoch und die Neubildung ist reduziert. Durch den Schmerz fallen positive Erlebnisse wie z.B. Hobbys weg. Das heißt, häufige Schmerzen machen zwar positive Gefühle zunächst schwerer. Wenn wir aber abseits der Schmerzen für mehr Freude, Lachen und positive Erlebnisse sorgen, durchbricht das den Teufelskreis. Positive Gefühle können sowohl akute Schmerzen reduzieren als auch langfristig vor chronische Schmerzen schützen [12,18.].

Stresshormone wie Noradrenalin tragen ebenso zur Verbindung zwischen Gefühlen und Schmerzen bei. Akuter Stress kann Schmerzen hemmen, Schmerzen werden in starken Stresssituationen weniger wahrgenommen [16]. Diesen Effekt kann man z.B. bei Sportlern beobachten, die trotz erheblicher Verletzungen weiter am Wettkampf teilnehmen können. Chronische Schmerzen gehen dagegen mit einem Ungleichgewicht an Stresshormonen einher. Bei Menschen mit chronischen Schmerzen ist die Stresszentrale im Gehirn immer aktiv. Durch den Schmerz an sich, die Schlafstörungen, aber auch durch die einhergehenden Sorgen. Sowohl Stress als auch Schmerzen führen zu einer erhöhten Anspannung der Muskeln, die Schmerzen ihrerseits begünstigt [2]. Es kann ein Teufelskreis aus Schmerz und Stress entstehen. Zum Glück kann der Teufelskreis genauso wie durch das Stärken von positiven Gefühlen und Glückshormone auch durch das Reduzieren von Stress und Stresshormonen durchbrochen werden. Dabei können z.B. Entspannungsübungen, das Stoppen von Grübeln, Stressreduktion im Alltag und das Verbessern von Schlafstörungen helfen [8,12,18].

Das heißt, wer sich um seine psychische Gesundheit und sein Wohlbefinden kümmert, beeinflusst auch seine Schmerzen positiv. Zusammengefasst können folgende Aktivitäten der Psyche guttun, indem sie Glückshormone ausschütten, Stress und Schmerzen abbauen:

  • Soziale Unterstützung: Es konnte z.B. gezeigt werden, dass Frauen weniger Schmerzen empfinden, wenn ihr Partner ihre Hand hält [1,14] 
  • Genuss und Lebensfreude: Schon Kleinigkeiten können die Stimmung zu verbessern und die Lebensfreude stärken, z.B. Musikhören, ein Stück Schokolade, Sonnenlicht, eine nette Begegnung oder eine liebe Nachricht [8]
  • Akzeptanz: In schwierigen Situationen kann entlastend sein, sich selbst die Erlaubnis zu geben für unangenehme Gefühle, und das eigene Erleben zuzulassen. Auch schlechte Tage sind okay. Versuche das Beste aus der Situation zu machen [10]

Unter Gesundheit verstehe ich nicht, Freisein von Beeinträchtigungen, sondern die Kraft, mit ihnen zu leben – Johann Wolfgang von Goethe

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Teresa Götz
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