Arbeitnehmer mit Endometriose – als Arbeitgeber gut damit umgehen

Schmerzen während der Menstruation sind in unserer Gesellschaft ein Tabu. Dies gilt um so mehr für chronische Schmerzen rund um die Menstruation, wie diese im Rahmen der Endometriose auftreten. Da rund zehn bis 15 Prozent aller Frauen im reproduktionsfähigen Alter sowie vereinzelt auch Männer und ältere aber auch jüngere Frauen an Endometriose erkrankt sind [1], betrifft dieses Thema einen großen Teil der arbeitenden Gesellschaft. Da eine Heilung der Endometriose nur sehr begrenzt möglich ist, sind Betroffene oftmals stark in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Dies führt zusätzlich zu einer starken psychischen Belastung bei den Betroffenen und zu einer finanziellen Belastung der Arbeitgeber durch Ausfallzeiten und unter Umständen sogar den Wegfall von qualifizierten Mitarbeitern. Daher ist es für Arbeitgeber sowohl aus gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Gründen angezeigt, Arbeitnehmer mit Endometriose zu unterstützen.

In diesem Artikel erhältst du die wichtigsten Informationen zu der Frage, warum Endometriose überhaupt für Arbeitgeber ein Thema sein sollte und wie sie Betroffene, und damit gleichzeitig auch ihr Unternehmen, entlasten können:

  • Basisinformationen über die Erkrankung der Endometriose
  • Überblick über die Kosten der Endometriose für den Arbeitgeber und die Volkswirtschaft
  • Praktische Anleitung wie ein Unternehmen Arbeitnehmer mit Endometriose unterstützen kann

Hintergrund: Worum geht es bei der Erkrankung der Endometriose?

Die Endometriose zählt nach den Myomen zu den häufigsten gynäkologischen Erkrankungen. Betroffen sind vorrangig Frauen im reproduktionsfähigen Alter, zum Teil aber auch davor und danach sowie in seltenen Fällen Männer. Bei der Endometriose wächst Gewebe, das eigentlich ausschließlich im Endometrium (Gebärmutter) zu finden ist, auch außerhalb der Gebärmutter. Dies führt zu einer breiten Palette an Symptomen, die von Schmerzen bis zur Unfruchtbarkeit führen [2].

Bis heute ist, trotz der großen Zahl der Betroffenen, nicht abschließend geklärt, wie die Endometriose entsteht. Hinzu kommt, dass es oftmals Jahre dauert, bis dass eine Endometriose diagnostiziert und mit einer Behandlung begonnen wird. Durch die Tabuisierung und das Kleinreden der Erkrankung wird der Druck auf die Betroffenen noch erhöht. Insgesamt führt dies dazu, dass Frauen aufgrund der Erkrankung hohe Fehlzeiten haben, was wiederum einen Kostenfaktor für Arbeitgeber bedeutet. In schweren Fällen der Endometriose kann die Erkrankung zur Arbeitsunfähigkeit führen, sodass dem Unternehmen unter Umständen ein hochqualifizierter Mitarbeiter verloren geht.

Kostenfaktor Endometriose: Wie viel kostet die Erkrankung das Unternehmen und die Volkswirtschaft?

Obwohl, oder gerade weil, die Endometriose in der Bevölkerung so wenig Beachtung findet, ist sie von nennenswerter ökonomischer Relevanz [3]. Diese bezieht sich sowohl auf die gesamte Volkswirtschaft als auch auf Unternehmen, die an Endometriose erkrankte Mitarbeiter beschäftigen. Mehrere Studien haben sich in den vergangenen Jahren mit der Frage befasst, welche Kosten pro Endometriosepatient pro Jahr anfallen. Die Ergebnisse der unterschiedlichen Studien reichen von 4.246 Euro (EDV-Studie) pro Endometriose-Betroffenem pro Jahr bis zu 9.177 Euro (EndoCost-Studie). Inflationsausgeglichen lägen die Kosten dieses Jahr damit bei bis zu 12.000 Euro.

In den Studien wurden eine Vielzahl an Kostenfaktoren berücksichtigt. Dies beginnt bei Kosten für die ambulante sowie stationäre Versorgung und umfasst auch die medikamentöse Versorgung. Zusätzlich wurden Arbeitsunfähigkeitskosten und Kosten der Erwerbsminderung sowie Erwerbsunfähigkeit berücksichtigt. Aufgrund der wenig belastbaren Datenlage ist es nur schwer möglich, eine Hochrechnung auf die gesamtgesellschaftlichen Belastungen durchzuführen. Schätzungen belaufen sich auf eine gesamtgesellschaftliche Belastung von knapp einer Milliarde Euro pro Jahr allein in Deutschland.

Endometriosefreundliches Unternehmen: Wie können Arbeitgeber Mitarbeiter mit Endometriose unterstützen?

Der Begriff des endometriosefreundlichen Unternehmens ist abgeleitet von der Initiative der englischen Endometriose-Vereinigung „Endometriosis UK“ [4], die den Titel „Endometriosis Friendly Employer Scheme“ trägt. Ziel dieser Initiative ist es, ein Bewusstsein für das Thema Endometriose im Arbeitsumfeld zu schaffen. Gleichzeitig soll Arbeitgebern ein Instrumentarium an die Hand gegeben werden, um Mitarbeiter mit Endometriose effektiv zu unterstützen [5]. Die von der Initiative entwickelten Handlungsrichtlinien können auch auf deutsche Unternehmen übertragen werden:

Bekenntnis der Unternehmensleitung zum Thema Endometriose
Der Arbeitgeber sollte gegenüber seinen Führungskräften sowie der Gesamtbelegschaft deutlich machen, dass das Unternehmen dafür Sorge tragen möchte, MitarbeiterInnen mit Endometriose zu unterstützen. Dies kann dadurch geschehen, dass die Unternehmensleitung zu dem Thema einen Brief an alle Führungskräfte sowie einen weiteren an alle Mitarbeitenden schreibt oder das Thema auf einer unternehmensinternen Veranstaltung vorstellt.

Schaffung von Verständnis
Der Umgang mit chronischen Erkrankungen ist immer eine Herausforderung: Für die Betroffenen selbst ist es eine körperliche aber auch eine psychische Belastung. Und Arbeitgeber sehen sich schnell mit dem Vorwurf der anderen Mitarbeiter konfrontiert, einige Mitarbeiter zu bevorzugen. Daher ist es wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Endometriose keine Befindlichkeitsstörung ist, sondern eine ernsthafte Erkrankung. Nur, wenn deutlich wird, dass Menschen mit Endometriose ebenso wie beispielsweise Menschen im Rollstuhl eine besondere Ausgestaltung des Arbeitsumfeldes benötigen, werden Maßnahmen auf Akzeptanz stoßen.

Gewährleistung der Kontinuität
Ein einmaliges Bekenntnis, Mitarbeiter mit Endometriose unterstützen zu wollen, reicht nicht aus. Das Thema muss in den HR-Richtlinien, der Unternehmensphilosophie oder durch die Niederlegung von Endometriose-Leitlinien geschehen.

Schaffung einer zentralen Anlaufstelle
Innerhalb des Unternehmens muss ein Ansprechpartner gefunden werden, der sowohl für Betroffene als auch für Vorgesetzte der zentrale Ansprechpartner ist. Diese Person kann beispielsweise in der Personalabteilung verankert sein oder es handelt sich um einen von Endometriose selbst betroffenen Mitarbeiter.

Verbindlichkeit der Regelungen
Konkrete Maßnahmen, mit denen das Unternehmen Mitarbeiter mit Endometriose unterstützen möchte, sollten schriftlich festgehalten werden. Nur so kann eine Verbindlichkeit erzeugt werden. Außerdem haben Vorgesetzte so Leitlinien zur Hand, an denen sie sich orientieren können.

Konkrete Maßnahmen: Arbeitszeit
Zu den wichtigsten konkreten Maßnahmen zählt, dass Mitarbeiter mit Endometriose die Möglichkeit zu flexibler Arbeitszeit eingeräumt werden. Gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass viele Aufgaben auch im Homeoffice effektiv erfüllt werden können. In Fällen, in denen dies nicht möglich ist, können Arbeitszeitkonten eine Lösung sein, damit Betroffenen in Phasen mit starken Beschwerden weniger arbeiten können. Diese „Fehlstunden“ werden dann später nachgeholt.

Trotzdem gilt es, die Grenze zwischen Arbeitsunfähig und flexibler Arbeit nicht auszunutzen. Ist eine Arbeitnehmerin wirklich krank, dürfen auch bei flexibler Arbeitszeit keine Minusstunden aufgeschrieben werden. Die flexible Arbeitszeit ist eher dazu da, ausreichend flexible Pausen und Arbeit zu den leistungsfähigen Zeiten zu ermöglichen.

Konkrete Maßnahmen: Arbeitsplatzausstattung
Auch über die Ausstattung des Arbeitsplatzes kann dazu beigetragen werden, dass Betroffene ihren Arbeitsalltag besser bestehen können. Dies betrifft vor allem die Auswahl von Tischen und Stühlen. Höhenverstellbare Tische erlauben es, dass zwischendurch im Stehen gearbeitet wird. Schreibtischstühle sollten ebenfalls so gestaltet sein, dass sie ein entspanntes Sitzen fördern.

Wichtig ist auch, dass der Zugang zur Toilette durchgehend gewährleistet ist und Pausen genommen werden können.

Bereithalten von Infomaterial
Arbeitgeber können Informationsmaterial für Betroffene zusammentragen. Hier können Adressen von spezialisierten Ärzten und Physiotherapeuten, Beratungsstellen aber auch Sport- und Entspannungsangebote zusammengetragen werden. Auch eine Liste mit Ratgeberliteratur oder Tipps zu einer Ernährung im Sinne einer Endometriose-Diät sind sinnvoll.

Der Weg zurück: Welche Hilfen stehen Arbeitgebern und Betroffenen zur Verfügung?

Die oben aufgeführten Maßnahmen dienen dazu, den Betroffenen den Arbeitsalltag zu erleichtern. Diese Maßnahmen können von nahezu jedem Unternehmen in Eigenregie angeboten und umgesetzt werden. Darüber hinaus bieten Reha und Sozialrecht Betroffenen viele Möglichkeiten, ihre Arbeitsfähigkeit zu erhalten beziehungsweise wieder herzustellen. Arbeitgeber können Mitarbeiter aktiv ermutigen und unterstützen, diese auch wirklich in Anspruch zu nehmen.

Rehamaßnahmen
Eine Rehamaßnahme dient dazu, bei Arbeitnehmerinnen nach Unfällen aber auch Erkrankungen und Operationen wieder die Arbeitsfähigkeit herzustellen. Natürlich bedeutet eine Reha die Abwesenheit des Arbeitnehmers vom Arbeitsplatz für diese Zeit. Außerdem ist in der Regel eine Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber vorgesehen. Allerdings gibt es aufgrund der neuen Umlageversicherungen der Krankenkassen bei Arbeitsunfähigkeit eine Teilerstattung der Lohnfortzahlung. Zusätzlich ist davon auszugehen, dass der Betroffene im Anschluss wieder deutlich leistungsfähiger ist.

Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) [6]
Bei diesem Instrument geht es darum, Mitarbeitern nach einer längeren Erkrankung den Weg zurück an den Arbeitsplatz zu ermöglichen. Das oberste Ziel ist es, die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitern zu erhalten beziehungsweise wieder herzustellen. Danach ist es beispielsweise möglich, dass Betroffene nach dem sogenannten Hamburger Modell stufenweise wieder in den Arbeitsalltag eingegliedert werden. Auf diese Weise ist eine langsame Rückkehr an den Arbeitsplatz möglich. So wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Betroffene erneut auf unbestimmte Zeit ausfallen.

Anerkennung als Schwerbehinderung
Je nach Erscheinungsform und Schwere der Endometriose erhalten Betroffene auf Antrag einen Grad der Behinderung von 10 bis 60 Prozent. Arbeitgeber sollten ihre Mitarbeiter bei der Beantragung des Grads der Schwerbehinderung unterstützen, weil dies den Abruf vielfältige Fördermaßnahmen ermöglicht. Dies bedeutet auch für den Unternehmer eine finanzielle Entlastung.

Zusammenfassung:

Statistisch gesehen sind rund 10 bis 15 Prozent aller weiblichen Mitarbeiter sowie ein kleiner Teil der männlichen Belegschaft an Endometriose erkrankt. Hierbei handelt es sich um eine chronische Erkrankung, die mit zum Teil sehr starken Schmerzen verbunden ist und sogar bis zur Arbeitsunfähigkeit führt. Arbeitgeber profitieren daher auf vielfache Weise, wenn sie Arbeitnehmer mit Endometriose unterstützen:

  • Sie positionieren sich als endometriosefreundliches Unternehmen, was in Zeiten von Fachkräftemangel ein Vorteil im Wettbewerb um die Bewerber bedeutet.
  • Sie reduzieren Fehlzeiten der Betroffenen und optimieren so den Unternehmensablauf.
  • Sie vermeiden es, Mitarbeiter, die unter Umständen hochqualifiziert und lange im Unternehmen verankert sind, zu verlieren.
  • Sie schaffen durch die Unterstützung ein positives Arbeitsklima und eine gute Unternehmenskultur! Ernst genommene Mitarbeiter sind glückliche Mitarbeiter.

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