Was beeinflusst unser Schmerzempfinden: kulturelle Unterschiede bei Schmerzen

Zunächst einmal ist „Kultur“ ein schwieriger Begriff, der sehr unterschiedlich definiert werden kann. Dennoch lohnt es sich, ihn beim Thema Schmerzen miteinzubeziehen.

Denn sehr viele soziokulturelle Faktoren könnten einen Einfluss auf das Schmerzempfinden haben: Einstellungen und Überzeugungen (z.B. Schmerzerwartung und Schmerzakzeptanz), Sprache, Ausdrucksweise und erlernter Schmerzausdruck, soziale Rollen und Erwartungen, Gender, Glaube und Spiritualität, sozioökonomischer Status, wahrgenommene Diskriminierung, Art der Integration, Zugehörigkeit zu kulturellen Gruppen, Umweltfaktoren und die Art der Medikamenteneinnahme [10].

Tatsächlich finden verschiedene Studien kulturelle Unterschiede in der Schmerzsensibilität. In einer Übersichtsarbeit zeigten Afro-Amerikaner eine höhere Schmerzsensibilität als weiße Amerikaner. Sie nahmen Schmerzen eher als solche wahr und empfanden den gleichen Reiz als schmerzhafter [10]. In einer anderen Studie wurden 122 Frauen untersucht, aus Saudi-Arabien, Schweden und Italien. Die italienischen Teilnehmerinnen reagierten am sensibelsten auf schmerzhafte Reize. Die schwedischen Teilnehmerinnen hatten die geringste Schmerzsensibilität [1].

Kulturelle Einflüsse

Coping-Strategien

Eine mögliche Ursache könnten kulturell unterschiedliche Coping-Strategien im Umgang mit Schmerzen sein. So wurde z.B. gefunden, dass Afro-Amerikaner häufiger die Strategien „Beten und Hoffen“ und „Ablenkung“, und seltener die Strategie „Ignorieren der Schmerzen“ nutzen als weiße Amerikaner [9].

Sprache

Der Einfluss von Sprache ist gut untersucht. So können Schmerzen in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich beschrieben werden. In einer Studie wurden amerikanische mit nepalesischen Schmerzpatienten verglichen. Die Ergebnisse zeigten einige Übereinstimmungen, aber auch wichtige Unterschiede, wie die Patienten ihre Schmerzen beschrieben. Beispielsweise nutzen die nepalesischen Patienten mehr Metaphern. Das sollte beim Erfassen von Schmerzen beachtet werden. Verschiedene Einflussfaktoren sind allerdings schwierig zu trennen. Neben der Sprache unterschieden die Befragten sich z.B. auch im sozioökonomischen Status, Kultur, Ethnie und Bildungsstatus [11].

Erwartungen

Eigene Erwartungen haben einen Einfluss. So gibt es beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der eigenen Gender-Rolle und dem Schmerzempfinden. Je stärker eine Person an Geschlechtsunterschiede in der Schmerzempfindung glaubt, desto mehr wird sie sich selbst entsprechend verhalten [2]. Gender-Rollen und Erwartungen bezogen auf das Schmerzempfinden können wiederum je nach Kultur unterschiedlich stark ausgeprägt sein [5].

Vorurteile

Leider können auch Vorurteile des Umfelds eine Rolle spielen. So werden die Schmerzen von Menschen mit schwarzer Hautfarbe oft systematisch unterschätzt, was zu einer schlechteren Behandlung führen kann [7]. Eine Studie konnte zeigen, dass nicht biologische Unterschiede zu Unterschieden in den berichteten Schmerzen zwischen schwarzen und weißen Amerikanern führten. Stattdessen waren erlebte Diskriminierung und verringertes Vertrauen gegenüber dem Studienleiter entscheidend [8].

Endometriose

Bisher gibt es kaum Studien, die den Zusammenhang zwischen Kultur und z.B. Endometriose-Symptomen, Endometriose- Schmerzen oder Nutzung von bestimmten Behandlungen untersuchen.

Eine Übersichtsarbeit zeigte, dass Endometriose bei verschiedenen ethnischen Gruppen unterschiedlich häufig diagnostiziert wird (Vergleich von schwarzen, weißen, asiatischen und hispanischen Frauen – [3]). Dabei ist allerdings unklar, ob Endometriose tatsächlich bei manchen Gruppen seltener auftritt, oder nur weniger erkannt wird. Hier könnte tatsächlich ein Risiko bestehen. Der Blick in alte Texte über Endometriose zeigt erhebliche Vorurteile. Endometriose wurde früher als eine Erkrankung von besonders leistungsstarken und wohlhabenden Frauen angesehen, mit privater Krankenversicherung, die eher spät heiraten und Kinder bekommen. Entsprechend rassistischer Vorurteile wurde das Auftreten bei schwarzen Frauen als ungewöhnlich angesehen, und oft fehldiagnostiziert.

Typischerweise scheinen unsere Endometriose-Patientinnen einen starken Willen zum Erfolg zu haben. Sie sind meistens gut angezogen und haben eine schlanke Figur – Buttram (1979)

Auch wenn offen rassistische und sexistische Ansichten heute zum Glück seltener geworden sind, so könnten diese früheren Einschätzungen bewusst oder unbewusst auch heute noch die klinische Versorgung beeinflussen und zu Unterschieden bei der Diagnosehäufigkeit führen [3]. Wurden nur die Frauen betrachtet, die aufgrund von Unfruchtbarkeit in Behandlung kamen, konnten keinerlei Unterschiede in der Endometriose-Häufigkeit zwischen schwarzen, weißen, asiatischen und hispanischen Frauen mehr gefunden werden. Hier sind Behandelnde in der Pflicht, eigene Vorurteile zu überprüfen und offen auf Patientinnen zuzugehen. Dies ist umso wichtiger, da Frauen grundsätzlich im Durchschnitt sieben Jahre auf ihre Diagnose warten müssen [4,6].

Zusammenfassung

Zusammenfassend können verschiedene soziokulturelle Faktoren Schmerzen beeinflussen, und sich wiederum gegenseitig beeinflussen. Zu manchen Einflussfaktoren gibt es bereits Studien, zu anderen noch nicht.

Folglich sollten vor allem bei der Einschätzung von Schmerzen kulturelle Unterschiede beachtet werden. Behandelnde Menschen und Angehörige im Umfeld von SchmerzpatientInnen sollten sich beobachten, ob sie Schmerzen bei verschiedenen Personen unterschiedlich wahrnehmen und ggf. gegensteuern.

Letztendlich müssen Schmerzen immer individuell betrachtet werden.

Referenzen

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Teresa Götz
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