Aktuelle Forschung zu Endometriose: Ein Interview mit Sarah Teworte

Denn für über die Hälfte von Patientinnen sind die aktuellen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichend.“

Teresa Götz: Kannst du dich erst einmal kurz vorstellen? 

Sarah Teworte: Erst einmal vielen Dank für die Möglichkeit, mit dir über meine Forschung zu sprechen. Ich bin Sarah Teworte, bin Doktorandin an der Universität Bern und forsche in Pharmazie zu neuen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten von Endometriose. 

Teresa Götz: Wie kam es dazu, dass du über neue medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten forschst?  

Sarah Teworte: Ich habe mich schon immer für Women’s-Health-Themen interessiert und nach einem spannenden Doktoratsprojekt gesucht. Ich arbeite in einem Bereich namens Drug Delivery (im deutschsprachigem Raum pharmazeutische Technologie), wo wir uns ansehen, wie medizinisch wirksame Moleküle zu dem Ort im Körper gebracht werden können, wo sie wirken sollen.

Auch in der Gynäkologie ist das ein großes Thema. Insbesondere untersuche ich, ob Medikamente zur Endometriose-Behandlung auch vaginal verabreicht werden könnten. Das ist für mich ein sehr spannendes Forschungsthema. Es gibt sehr wenig Literatur dazu und daher noch sehr viel noch zu tun, in der Hoffnung, bessere Medikamente zur Endometriose-Behandlung entwickeln zu können. Denn für über die Hälfte von Patientinnen sind die aktuellen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichend.

Über Sarah Teworte

Sarah Teworte ist Doktorandin an der Universität Bern und forscht in Pharmazie zu neuen medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten von Endometriose. Mit ihrer Forschung möchte sie zudem zum Thema Women’s Health beitragen, was ihr ebenfalls sehr am Herzen liegt.

Sarah Teworte im Labor.

 

Teresa Götz: Ich finde es schon alleine sehr spannend, dass man nicht nur nach besseren Medikamenten forscht, sondern auch daran, wie kann man diese am besten verabreichen kann, um die beste Wirkung zu erzielen.  

Sarah Teworte:  Bei den hormonellen Medikamenten gibt es das schon häufig. Bei Kontrarezeptiva können sich Patientinnen inzwischen aussuchen, ob sie z.B. einen Vaginalring haben wollen oder eine Tablette einnehmen wollen. Aber für nicht-hormonelle Medikamente gibt es das noch nicht so oft. Jedoch gibt es Hinweise darauf, dass, wenn Medikamente vaginal verabreicht werden, in allen Reproduktionsorganen eine erhöhte Konzentration dieses Medikaments gefunden werden kann und es daher dort auch wirksamer sein könnte.

Gleichzeitig kann man von weniger Nebenwirkungen ausgehen, weil das Medikament nicht im Verdauungstrakt ankommt, wenn es direkt durch die Vaginalschleimhaut in die Blutbahn gebracht wird. Uns ist auch das Design von klinischen Studien wichtig, denn rein oral gegebene Medikamente haben manchmal sehr starke Nebenwirkungen. Aufgrund der starken Nebenwirkungen wird daraufhin der Schluss gezogen, dass es kein gutes Medikament sei, obwohl es vielleicht doch wirksam sein könnte.

Wenn es sich um ein wirksames Medikament handelt, könnte man sich eben auch ansehen, ob es möglicherweise auch anders verabreicht werden könnte. Vielleicht könnte man sogar die Wirksamkeit verbessern und zugleich die Nebenwirkungen reduzieren und müsste das Medikament nicht gleich wegwerfen.

Teresa Götz: Das ist sehr interessant. Was ist deine Hauptmotivation, dazu jetzt zu forschen?  

Sarah Teworte: Ich finde es sehr wichtig, in Women’s Health zu investieren und im Gesundheitsbereich zu den Themen zu forschen, die in der Vergangenheit wenig erforscht und kaum mit Forschungsgeldern ausgestattet wurden. Daher finde ich es sehr wichtig, diesen Mangel auszugleichen und mehr Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Beim Thema Endometriose hat sich das in den letzten fünf Jahren etwas gebessert, aber noch vor zehn Jahren war diese Krankheit noch sehr wenigen Menschen bekannt.

Da es aber eine sehr verbreitete Krankheit ist, finde ich die Forschung dazu sehr wichtig. Ebenso finde ich es allgemein sehr wichtig, solche Tabuthemen auch anzusprechen und dazu zu forschen. Denn manchmal bin ich auf Konferenzen, wo ich vor Hunderten von Leuten stehe, die Hälfte davon ältere Männer, und dann über Perioden und Endometriose sprechen muss. Aber es ist ein sehr wichtiger Teil meiner Arbeit, die Aufmerksamkeit dafür zu wecken.

Teresa Götz: Berichte mir gern noch etwas genauer, was du erforschst.

Sarah Teworte: Es geht um das Medikament Pirfenidon. Dazu gab es vor einigen Jahren eine klinische Studie, die gezeigt hat, dass es gegen Endometriose wirksam ist, wenn es dreimal täglich oral, also in Tablettenform, verabreicht wird, jedoch schwere Nebenwirkungen hat. Pirfenidon wirkt dadurch, dass es im Körper ein Molekül namens TGF Beta moduliert. TGF Beta spielt bei der Wundheilung eine Rolle.

Das große Problem bei der Endometriose ist, dass die Endometrioseherde das Gewebe lokal verletzen und der körpereigene Wundheilungsprozess dadurch zu stark angeregt wird. Das führt zu einer Verklebung der Organe. Das Pirfenidon ist ein sogenanntes antifibrotisches Medikament, das für Lungenfibrose bereits zugelassen ist. Nun ist die Frage, ob es auch für Endometriose effektiv sein könnte?

Die Forscher der klinischen Studie konnten sehen, dass es, oral verabreicht, zwar effektiv ist und die Endometriose, im Vergleich zur Kontrollgruppe, nach der zweiten Bauchspiegelung zurückgegangen war, aber die Nebenwirkungen eben sehr negativ waren. In meiner Forschung habe ich vaginale Dosierformen für das Medikament entwickelt. Es ist eine rein präklinische Forschung.

Aber dadurch hoffe ich, in Tierversuchen und vielleicht später auch in klinischen Studien, untersuchen zu können, ob Pirfenidon wenn es vaginal verabreicht wird, eine mögliche medikamentöse Behandlungsmöglichkeit bei Endometriose sein könnte. 

Teresa Götz: Kannst du für die Leser:innen erklären, was eine Fibrose ist?

Sarah Teworte: Die Fibrose ist ein pathologischer  Wundheilungsprozess. Der Körper produziert verschiedene Proteine, wenn er Wunden heilt. Das kennen viele von einem einfachen Schnitt auf der Haut, zum Beispiel, wenn sich eine Narbe bildet. Genau diese Narbenbildung ist der Heilungsprozess des Körpers.

Bei der Endometriose verhält es sich so, dass man durch die zyklischen Blutungen an den internen Organen immer wieder Verletzung hat, durch die ein chronischer Wundheilungsprozess stattfindet. Der Körper versucht immer und immer wieder, diese Wunde zu heilen. So wird der Wundheilungsprozess pathologisch, also krankhaft. Wenn das lange geht, kann es sogar zu Organverklebungen führen.

Das ist die sogenannte extrazelluläre Matrix, also Proteine, die der Körper – im krankhaften Falle übermäßig – bildet, um diese Wunde zu heilen.

Teresa Götz: Vielen Dank für die tolle Erklärung. Was sind deine zukünftigen Forschungsziele? 

Sarah Teworte: Das Thema Endometriose ist sehr spannend und hier gibt es noch sehr, sehr viel zu tun. Auch auf dem World Congess on Endometriosis gab es einige Ärztinnen und Ärzte, die verschiedene neue Medikamente ausprobieren wollten und gesagt haben: Ja, dieses Medikament existiert, aber weil wir es nur intravenös geben können, ist es sehr unpraktisch.

Denn für eine Patientin ist es nicht ideal, wenn sie immer ins Krankenhaus kommen muss, um das Medikament verabreicht zu bekommen. Hier gibt es auf jeden Fall Möglichkeiten, dazu auch neue pharmazeutische Darreichungsform zu entwickeln. Der Fachbegriff im Englischen ist Drug Repurposing. Wir versuchen herauszufinden, ob bereits zugelassene Medikamente auch für andere Krankheiten wirksam sein könnten.

Was auch das Potenzial beinhaltet, die Entwicklungs-Timeline deutlich zu verkürzen. Denn normalerweise dauert es immer ungefähr 20 Jahre, bis man ein neues Medikament auf den Markt bringen kann. Aber wenn ein Medikament bereits zugelassen wurde, sind die regulatorischen Hürden viel niedriger, um die Zulassung für das Medikament zu bekommen. Eine andere interessante Forschungsrichtung zu diesem Projekt wäre, in einem Tier-Modell zu vergleichen, wie das Molekül in der Blutbahn ankommt, wenn es vaginal oder oral verabreicht wird.

Obwohl das nicht unbedingt auch direkt auf den Menschen übertragbar wäre, weil die Anatomie doch etwas anders ist. Sehr aussagekräftig wäre aber, in einem Tier-Modell zu untersuchen, ob und wie das Medikament bei Endometriose wirksam ist.  

Teresa Götz: Das zeigt, dass Forschung immer in verschiedenen Schritten abläuft. Im ersten Schritt forscht man zunächst an Tieren und erst, wenn man gute Ergebnisse bekommen hat, testet man anschließend mit einigen wenigen Menschen. Das ist natürlich auch für die Patientinnen wichtig zu wissen, dass, wenn gesagt wird, dass eine Studie sehr vielversprechende Ergebnisse habe, es aber dennoch ein sehr langer Prozess ist, bis ein Medikament wirklich beim Patienten und der Patientin ankommt.

Sarah Teworte: In meiner Forschung liegt es mir auch am Herzen, die Tierversuche weitgehendst zu reduzieren. Daher mache ich auch relativ viel zu sogenannten Invitro-Modellen. Das heißt, wir versuchen zuerst im Labor zu rekapitulieren, was genau passiert. Wie wird das Molekül aufgenommen und wie können wir das ohne Tiere im Labor modellieren?

Damit wir, bevor wir in die Tierversuche gehen, uns auch möglichst sicher sind, dass es auch wirken wird. In der Forschung beginnt man mit ganz vielen sogenannten explorativen Studien, in denen man erst viele Möglichkeiten ausprobiert und dann in eine Möglichkeit hineinzoomt.

Die explorativen Studien versuche ich so weit wie möglich im Labor und ohne Tiere zu machen, um Tierversuche möglichst zu reduzieren.  

Teresa Götz: Das ist ein wichtiger Punkt. Etwas allgemeiner gefragt, was ist denn deiner Meinung nach momentan die allergrößte Herausforderung bei der Endometriose? 

Sarah Teworte: Auf jeden Fall die Diagnose, obwohl das gar nicht der Bereich ist, in dem ich forsche. Aber wir müssen eine gute Diagnose haben und eine Diagnose, die auch das Leid der Patientinnen reflektiert. Aktuell ist es eine diagnostische Bauchspiegelung mit einem Rating der verschiedenen Stufen der Krankheit, je nachdem, wie weit sie im Unterleib verbreitet ist.

Dieses Rating korreliert mit den Symptomen von Patientinnen jedoch gar nicht. Um ein Medikament aber überhaupt in eine klinische Studie bringen zu können, brauche ich einen Punkt, an dem ich sagen kann, dass es gewirkt hat oder nicht gewirkt hat. Mit einer Bauchspiegelung ist das allerdings sehr schwierig, weil das eine sehr aufwendige Methode ist. Aber, um die Wirkung eines Medikaments zu testen, ist es notwendig, die Patientinnen innerhalb weniger Monate zweimal in die Bauchspiegelung zu bringen.

Das ist nicht ideal, und auch ethisch potentiell heikel. Deshalb bräuchte es in jedem Fall eine einfache Diagnosemethode, wie zum Beispiel einen Bluttest. Aktuell arbeiten auch viele Akteure daran. Andere arbeiten an Tests für Menstruationsflüssigkeit, um zu sehen, ob das eine Möglichkeit sein könnte. Das wäre sehr, sehr hilfreich. Aber ich glaube, dass das in den nächsten Jahren kommt und sie schon weiter dran sind, weil auch viele Firmen gerade in diese Forschung investieren.  

Teresa Götz: Da ich von der Endo-App bin, einmal die Frage, was hältst du denn von Gesundheits-Apps zur Selbsthilfe?  

Sarah Teworte: Die sind sehr wichtig. Ich glaube, viel in der Endometriose geht auch in Bildung und Empowerment der Patientinnen. Wenn Patientinnen sich selbst über die Krankheit im Allgemeinen, aber auch über ihre Krankheit im persönlichen Kontext weiterbilden können, hilft das sehr viel weiter. Ihr habt ja dieses Symptom-Tagebuch in der App.

Wenn die Patientinnen diese Informationen haben, können sie selbst besser einschätzen, wie es ihnen gerade geht. Es hilft ihnen, zu reflektieren und gibt ihnen auch viel bessere Möglichkeiten, gegenüber Ärztinnen und Ärzten zu sagen: Hier ist meine App. Ich habe meine Symptome eingetragen und hier können Sie sehen, wie es mir geht. Das hilft, Ärztinnen und Ärzte davon zu überzeugen, dass das tatsächlich ernst zu nehmen ist.

Teresa Götz: Gibt es noch etwas, was du den Betroffenen mitteilen möchtest?  

Sarah Teworte: Ja. Es ist sehr wichtig zu wissen, dass die Symptome lange kleingeredet wurden. Man sagte, es wäre normal, dass es so sei. Aber ist es nicht normal, wenn du Schmerzen empfindest und das sollte nicht sein. Historisch gesehen, wurden diese Symptome nicht ernst genommen und wurden lange tabuisiert. Ich finde es sehr wichtig, dass Patientinnen ausdrücken, was sie fühlen und dass sie von Medizinern auch ernst genommen werden.

Und wenn das nicht der Fall ist, liegt das Problem nicht bei den Patienten, sondern bei den Forschenden. Obwohl es historisch lange untererforscht war, sind wir dabei, etwas zu erforschen. Wir verstehen die Dringlichkeit und wir verstehen den Ernst der Lage. Es liegt uns wirklich am Herzen etwas zu verbessern und es tut sich sehr viel. Ich kann jetzt keiner einzelnen Patientin versprechen, dass sie persönlichen in den nächsten Jahren die ultimative Behandlung bei Endometriose bekommen wird, aber es tut sich in dem Bereich sehr viel.

Es wird immer ernster genommen und es fließen auch immer mehr Forschungsgelder hinein. Es ist sehr wichtig, dass wir zu dem Thema überhaupt Forschung machen können. Es verändert sich sogar in der Schweiz, die meistens ein bisschen hinterher ist bei diesen Sachen. Ihr werdet gehört, das Thema wird gesehen und die Wichtigkeit des Themas wird verstanden. Ja, wir arbeiten daran. 

Teresa Götz