Endometriose in der Lunge

Besonders häufig lässt sich Endometriosegewebe im Becken oder an den Eierstöcken feststellen. Zudem ist es möglich, wenn auch selten, dass sich Endometrioseherde in der Lunge ansiedeln.[1] Darauf können Symptome wie Schmerzen in der Brust, Atemnot, Kurzatmigkeit und Husten hindeuten.[2] Doch wie kommt das unerwünschte Gewebe in die Lunge und welche Komplikationen kann das haben? Wir klären heute gemeinsam diese und weitere spannende Fragen.

Thorakales Endometriose-Syndrom (TES)

Die thorakale Endometriose begrenzt sich auf den Brustkorb und das, was dahinter liegt. Mediziner zählen diese Form der Endometriose zur Endometriosis extragenitalis. Dabei treten Herde in verschiedenen Organen und Geweben außerhalb der Gebärmutter auf. So können Harnblase, Harnleiter oder Vagina betroffen sein. In seltenen Fällen lassen sich Endometrioseherde auch in der Lunge feststellen. Tritt das gebärmutterschleimhautähnliche Gewebe im Brustfell, Zwerchfell oder im Lungenparenchym auf, bezeichnen das Mediziner auch als „Thorakales Endometriose-Syndrom (TES)“. Zur Erklärung: Bei dem Lungenparenchym handelt es sich um Gewebe, dass für die Atmung zuständig ist.

Exkurs: So funktioniert die Lunge

Endometriose in der Lunge kann zu weitreichenden Folgen führen. Damit Du nachvollziehen kannst, warum Diagnostik und Behandlung bei Endometrioseherden in der Lunge so wichtig sind, möchte ich mit Dir an dieser Stelle die Funktionsweise der Lunge einmal näher betrachten. Als eines der elementarsten Organe sorgt die Lunge dafür, dass Sauerstoff aus der Atemluft aufgenommen und durch den Körper transportiert wird. Das ist wichtig, denn nur mit genügend Sauerstoff kann die Energieproduktion in den Zellen stattfinden. Das empfindliche Organ, die Lunge, liegt hinter den Rippen im Brustkorb verborgen. Der Vergleich mit einem Baum ist durchaus berechtigt, denn die Luftröhre erinnert an einen Baumstamm. Von diesem Stamm gehen auf beiden Seiten zwei „Äste“ ab, die Hauptbronchien. In den beiden Lungenflügeln, von denen sich einer links und einer rechts von der Luftröhre befindet, verzweigen sich die Hauptbronchien in immer kleinere Bronchien. Am Ende der Bronchialzweige befinden sich die Lungenbläschen (Alveole).[1]

Die Atmung verläuft stets gleich:3

  1. Du atmest ein, Dein Brustkorb weitet sich.
  2. Sauerstoffhaltige Luft gelangt von der Luftröhre über die Bronchien bis hin zu den Lungenbläschen.
  3. Der Mantel der Lungenbläschen besteht aus feinen Blutgefäßen, die den Sauerstoff in den Blutkreislauf transportieren.
  4. Nun wird der Sauerstoff in jede kleinste Zelle und jeden Winkel des Körpers „verschifft“.
  5. Du atmest aus, indem sich Deine Lunge zusammenzieht und die „verbrauchte“ Luft entweicht.

Gut zu wissen!

Die Lungenbläschen sind nicht nur dafür zuständig, Sauerstoff ins Blut zu transportieren, sondern auch Kohlendioxid aus dem Blut wieder aufzunehmen. Der ausgeklügelte Mechanismus wird als Gasaustausch bezeichnet.3 Dein Körper ist nur dann mit ausreichend Sauerstoff versorgt, wenn in der Lunge alles reibungslos verläuft. Endometrioseherde können in der Lunge das empfindliche Gleichgewicht stören und so zu belastenden Symptomen führen.

Endometriose in der Lunge: Symptome

Die Atmung bestimmt maßgeblich darüber, wie leistungsfähig Du bist. Patienten mit Lungenerkrankungen können deshalb stark in ihrer Lebensqualität eingeschränkt sein. Auch bei Endometriose in der Lunge können Symptome und Komplikationen auftreten, die belastend sind. Da der Endometriosebefund im Vergleich recht selten ist, denken Betroffene nicht sofort an die entsprechenden Läsionen, wenn sich Beschwerden bemerkbar machen.

Folgende Symptome treten bei Endometriose in der Lunge auf:1

  • Brustschmerzen
  • Pneumothorax (Luftansammlung im Brustkorb)
  • Hämothorax (Blutansammlung im Brustkorb)
  • Hämoptyse (Auswurf von blutigem Sekret)
  • Schmerzen, die bis in die rechte Schulter ziehen

Sonderform katamenialer Pneumothorax

Ein Pneumothorax ist dadurch gekennzeichnet, dass sich Luft im Pleuraraum ansammelt. Der Pleuraraum befindet sich zwischen Lunge und Brustwand und ist durch eine schmale Schicht Flüssigkeit ausgekleidet. Zudem herrscht ein leichter Unterdruck, sodass die Lunge fest an der Brustwand anliegt aber durch die Flüssigkeit noch verschieblich ist beim Atmen. Kommt nun Luft hier in den Spalt, wird die Lunge nicht mehr an der Brustwand gehalten und fällt in sich zusammen. Häufig wird der Pneumothorax daher auch als Lungenkollaps bezeichnet.

Das Phänomen kann unter anderem ohne erkennbare Ursache, durch ärztliche Eingriffe oder eine Verletzung entstehen.[1] Der katameniale Pneumothorax ist eine Sonderform, die mit einer Endometriose in Verbindung steht. Die zugehörigen Beschwerden wie Kurzatmigkeit, Schmerzen im Brustkorb und bis in die Schulter ziehend, sind hier typisch. Interessant ist, dass die Beschwerden zeitlich mit der Menstruation zusammenhängen. Deshalb wird der katameniale Pneumothorax auch Menstruations-Pneumothorax genannt. In der Regel treten die Symptomeein bis drei Tage vor der Menstruation auf. Spannend ist in diesem Zusammenhang, was überhaupt zu dem Phänomen führt.

Es gibt zwei Varianten, wie die Luft in den Pleuraspalt kommen kann. Aus der Lunge selbst, wenn beispielsweise Endometrioseherde auf der Lunge sitzen. Alternativ gibt es auch das Phänomen, dass es zu einem Luftaustritt aus der Gebärmutter in die Brusthöhle gelangt. Luft kann auch ohne Endometriose über die Scheide in die Gebärmutter und durch die Eileiter in den Bauchraum gelangen. Gibt es aber durch Endometriosegewebe des Zwerchfells einen Defekt im Zwerchfell, gelangt diese Luft in den Pleuraspalt.[2][3]

Der katameniale Lungenkollaps ist an sich sehr selten. Pneumothorax (Lungenkollaps) kommt häufiger bei jungen Männern als bei Frauen vor.

Wie häufig ist ein katamenialer Pneumothorax?

Klingt also nach einem echten Einhorn im Bereich Lungenkollaps, oder? Insgesamt schon, aber bei einem Lungenkollaps bei einer jungen Frau sollte man doch immer daran denken, wie eine Studie belegt. Nehmen wir nur diejenigen Frauen, die sich im gebärfähigen Alter befinden und einen Pneumothorax haben, ist Endometriose ein häufiger Grund. In dieser Gruppe wurde die katameniale Pneumothorax-Häufigkeit mit 7,3 % bis 36,7% angegeben. Zugegeben, dabei handelt es sich um eine große Bandbreite. Allerdings wird somit unterstrichen, dass ein Menstruations-Pneumothorax wohl nicht so selten ist, wie vielleicht gedacht. Übrigens konnte beobachtet werden, dass die Betroffenen, die einen katamenialen Pneumothorax erlitten, im Vergleich älter als Frauen mit anderen Endometriosearten waren. In einer wissenschaftlichen Untersuchung lag das Durchschnittsalter bei 35 Jahren.10 Eine andere Studie hat noch weitere spannende Erkenntnisse geliefert.[1]

  • In 89 % der Fälle lag eine Endometriose am Zwerchfell vor.
  • In 93 % der Fälle war die rechte Hälfte des Brustkorbs betroffen.
  • In 55 % der Fälle, in denen eine Zwerchfell-Endometriose vorlag, zeigten sich Endometrioseherde im Becken.
  • Bei 50 % der betroffenen Patientinnen wurden die Endometrioseherde im Becken zuvor operiert.

Gut zu wissen!

Bestimmt stellst Du Dir die Frage, wie es dem Endometriosegewebe gelingt, sich in die Lunge abzusetzen. Hierfür gibt es verschiedene Theorien. Weit verbreitet ist die Annahme, dass sich die Zellen über das Bauchfell verteilen können. Allerdings erklärt das nicht das Vorliegen von Endometriose in der Lunge bei Patientinnen, die kein entsprechendes Gewebe im Becken aufweisen. Aktuelle Studien vernachlässigen deshalb diese Theorie. Nun wird diskutiert, ob womöglich andersgeartete Endometriosezellen die Lunge übernehmen. Hier gibt es aber noch mehr Forschungsbedarf.2

Endometriose in der Lunge: Beispiele aus der Praxis

Nicht viele Mediziner bekommen eine Patientin mit Endometriose in der Lunge zu Gesicht. Umso wichtiger ist es, die bereits vorhandenen Erkenntnisse zu teilen.

Ich möchte Dir gerne einige Fälle vorstellen, die bereits dokumentiert wurden. Damit bekommst Du einen Eindruck davon, wie sich eine Endometriose in der Lunge darstellen kann.

Ein Praxisbeispiel aus Griechenland

Eine 29-jährige Frau leidet bereits seit sechs Monaten unter Beschwerden, die am dritten und vierten Tag während der Periode auftreten. Immer in diesem Zeitraum wird die Patientin von Hustenattacken und blutigem Auswurf gequält. Untersuchungen haben ergeben, dass die Blutwerte soweit unauffällig waren. Lediglich eine Erhöhung eines Tumormarkers (CA-125) wurde festgestellt. Tumormarker sind übrigens Substanzen, die vermehrt bei bestimmten Krebsarten vorliegen können. Bei der Patientin wurden auch bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT und MRT durchgeführt. Bei der Magnetresonanztomographie stellten die Mediziner eine Verdichtung im rechten Lungenflügel fest, und zwar am vierten Tag der Menstruation. Im Anschluss wurde eine Bauchspiegelung gemacht, bei der die Ärzte eine Endometriose entdeckten – der Eileiter war verschlossen. Um die Endometriose zu behandeln, erhielt die Patientin GnRH-Agonisten (Leuprorelin). Solche Medikamente werden verabreicht, um eine Absenkung des Östrogenspiegels zu erreichen. Das kann deshalb entscheidend sein, weil das Sexualhormon Östrogen die Endometriose unterstützt. Durch die Verabreichung der Medikamente nahmen die Lungenbeschwerden ab, die Patientin wurde symptomfrei und bald darauf schwanger. In einem Eingriff, den die Ärzte während des Kaiserschnitts durchführten, wurden die Herde entfernt.[1]

Ein Praxisbeispiel aus China

Hier hat sich ebenfalls eine 29-jährige Frau beim Arzt vorgestellt. In regelmäßigen Abständen hat sie Brustschmerzen und Hustenanfälle. Fälschlicherweise wird zunächst die Diagnose Tuberkulose in Betracht gezogen und eine Antibiotikatherapie verschrieben. Zunächst ging es ihr besser, die Beschwerden kamen aber wieder zurück. Eigenmächtig setzte die Patientin ihre Medikamente ab und suchte Rat bei einem Lungenexperten. In einem Arzt-Patienten-Gespräch gab die Frau an, nur einmal im Monat mit den Symptomen zu kämpfen. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Hinweis. Bei der Frau wurde eine Computertomografie gemacht, und zwar genau dann, als sie ihre Menstruation hatte. Auf den Bildern wurde deutlich, dass es eine Entzündungsreaktion und einen Knoten im Lungenflügel gab. Mithilfe einer Bronchoskopie konnte Gewebe entnommen und im Labor untersucht werden. Somit konnte bestätigt werden, dass es sich in dem Fall um Endometriose in der Lunge handelt. Die Endometrioseläsionen wurden in einem operativen Eingriff entfernt.[1]

So wird Endometriose in der Lunge diagnostiziert

Die Anamnese, also das Gespräch zwischen Arzt und Patient, kann entscheidende Hinweise liefern. Treten die Beschwerden vor allem während der Periode auf, kann das auf eine Endometriose in der Lunge hinweisen. Interessant ist auch, ob bei Dir bereits Endometriose festgestellt und welche Behandlung dabei gewählt wurde. Um den Verdacht zu erhärten und um andere Erkrankungen auszuschließen, sind bildgebende Verfahren nützlich. Insbesondere die Magnetresonanztherapie und die Computertomografie können dabei helfen, Veränderungen in der Lunge darzustellen. So lassen sich womöglich bereits Knoten oder entzündliche Veränderungen in Form von Schattierungen erkennen. Wie in dem Praxisbeispiel aus China kann eine Bronchoskopie durchgeführt werden, um Gewebe zu gewinnen und im Labor zu untersuchen. Ist die Diagnose gesichert, kann sich eine gezielte Therapie daran anschließen.

So wird Endometriose in der Lunge therapiert

Damit die Beschwerden abnehmen und das Risiko für Komplikationen eingegrenzt werden, ist eine Therapie notwendig. Das Leitlinienprogramm der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sieht bei einer Endometriose in der Lunge und einem womöglich gleichzeitig bestehendem katamenialen Pneumothorax im ersten Schritt eine medikamentöse Therapie vor. Dabei können Medikamente, die den Östrogenspiegel herunterregulieren, zum Einsatz kommen. Gestagen-Präparate oder GnRH-Agonisten gehören dazu. Wenn deutlich wird, dass eine Gabe von Arzneistoffen nicht zum gewünschten Erfolg führt, kann ein operativer Eingriff in Erwägung gezogen werden. Besonders gute Erfolge können mit einer laparoskopischen-thorakoskopischen Kombination erzielt werden. Dabei werden Brusthöhle und Bauchhöhle gleichermaßen begutachtet. Das sorgt dafür, dass alle Endometrioseherde in dem Bereich entdeckt werden. Laut des Leitlinienprogramms der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe wird dazu geraten, im Anschluss an einen operativen Eingriff eine Unterdrückung der Hormone, in dem Fall des Östrogens, durchzuführen. Auf diese Weise kann das Rückfallrisiko reduziert werden.1,[1],[2],

Gut zu wissen!

Sowohl bei der Diagnose als auch bei der Behandlung sollte eine gynäkologische Bewertung stattfinden. Darüber hinaus ist es wichtig, den weiblichen Zyklus zu analysieren und die Beschwerden im Lungenbereich zu beobachten.[1]

Kurz und knapp

Endometriose in der Lunge ist selten. Die Symptome sind eher unspezifisch und werden somit häufig nicht direkt mit einer Endometriose in Verbindung gebracht. Zu den möglichen Symptomen zählen Brustschmerzen, Blutansammlungen im Brustkorb (Hämothorax) und Schmerzen, die bis in die Schulter ausstrahlen. Ein katamenialer Pneumothorax, auch als Menstruations-Pneumothorax bezeichnet, steht mit einer Endometriose in Verbindung. Dabei kommt es zu einer Luftansammlung im Brustkorb und zu Beschwerden wie Kurzatmigkeit. Endometriose in der Lunge kann am Brustfell, Zwerchfell oder im Lungenparenchym, das Gewebe, das mit der Atmung in Verbindung steht, nachgewiesen werden. Mediziner nennen das „Thorakales Endometriose-Syndrom (TES)“. Warum sich das Gewebe in der Lunge niederlässt, ist noch nicht gänzlich klar. Bei der Diagnose wird vor allem auf bildgebende Verfahren und die Bronchoskopie mit zugehöriger Biopsie gesetzt. Steht fest, dass es sich um eine Endometriose in der Lunge handelt, kann konservativ mit Medikamenten behandelt werden. Dabei steht die Senkung des Östrogenspiegels im Mittelpunkt. Lassen sich mit Medikamenten nicht die gewünschten Erfolge erreichen, ist auch ein operativer Eingriff denkbar. Hier sollte allerdings im Anschluss ebenfalls eine Unterdrückung ausgewählter Hormone mithilfe von Medikamenten geplant werden, um das Rückfallrisiko zu reduzieren.

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Dipl.-Ges.oec. Jennifer Ann Steinort
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