Das Auftreten und die Intensität von Schmerzen werden von Betroffenen oft als gesetzt und unveränderbar hingenommen und akzeptiert.  So geht es vor allem, aber nicht nur, Endometriose Patientinnen mit (chronischem) Unterbauchschmerz. Schmerzen und die damit einhergehenden Einschränkungen begleiten Betroffene häufig über viele Jahre und verringern die Lebensqualität enorm.

Die Art und Weise, wie und ob wir Schmerzen empfinden, ist beeinflussbar!

Eine oft unbekannte Grundlage von Schmerzverarbeitung ist die Tatsache, dass Schmerz moduliert, also vom Körper verändert, werden kann. Das bezieht sich sowohl auf die Schmerzempfindung selbst, als auch auf die Intensität und Häufigkeit von Schmerzen [1]

Bevor wir Schmerz fühlen, durchläuft die Schmerzinformation mehrere Verarbeitungsstationen.

Die Schmerzinformation legt einen weiten Weg zurück. Von der Körperstelle, die schmerzt, beispielsweise der Unterbauch, über das Rückenmark bis zum Gehirn. Das Rückenmark bildet dabei eine Art Zwischenstation für die Verarbeitung. Die Hauptverarbeitung der Schmerzinformation findet im Gehirn statt [1,2]. Über absteigende Schmerzbahnen liefert das Gehirn Feedback über die erhaltenen Informationen. Die absteigende Schmerzbahn ist eine hemmende Schmerzbahn und kann uns somit Schmerz weniger stark fühlen lassen.

Das Gehirn – der Ort, an dem alle Informationen zusammen kommen

Unser Gehirn übernimmt in der Schmerzverarbeitung und -wahrnehmung eine zentrale Rolle. Es ist gleich für mehrere, unterschiedliche Aspekte von Schmerz verantwortlich.

  • Schmerzlokalisationwo schmerzt es?
  • SchmerzbewertungVergleich: gab es diesen Schmerz schon einmal in der Vergangenheit?
  • Schmerzerwartung – gab es in der Vergangenheit bereits eine ähnliche Situation, in der ich Schmerz empfunden habe? Tritt vor dem Schmerz selbst auf z.B. vor dem Bohren beim Zahnarztbesuch
  • Schmerzintensitätwie stark ist der Schmerz?
  • Schmerzaufmerksamkeitpassieren gerade noch andere Dinge oder liegt die Aufmerksamkeit voll und ganz auf dem Schmerz?

Das Gehirn ist nicht nur für Schmerzen die Hauptverarbeitungszentrale, sondern auch für fast alle anderen Dinge, die in unserem Körper passieren. Das macht es zu einem starken Einflussfaktor [1,3].

Faktoren, die unser Schmerzempfinden über das Gehirn beeinflussen können

Bevor es nun an die Faktoren und die dazugehörigen Erläuterungen geht, ist ein Punkt besonders hervorzuheben. Alle beschriebenen Faktoren unterliegen molekularbiologischen Prozessen, die bei einer Vielzahl von chronischen Erkrankungen eine Rolle spielen. Chronischer Schmerz hat häufig, aber eben nicht ausschließlich, eine psychologischen Komponente. Genau aus diesem Grund sind multimodale Schmerztherapien der Schlüssel zum Erfolg. An dieser Stelle soll deswegen chronischem Schmerz keinesfalls der Stempel „psychische Erkrankung“ aufgedrückt werden. Vielmehr sollen die folgenden Abschnitte dazu dienen, die Möglichkeiten aufzuzeigen, wie chronischer Schmerz auf Ebene des Gehirns beeinflussbar ist.

Emotionen

Ein Teil der Schmerzverarbeitung findet im Gehirn in einem Bereich statt, der das limbische System genannt wird. Neben der Schmerzbewertung ist dieser Teil des Gehirns auch für unsere Emotionen verantwortlich. Diese räumliche Nähe beider Funktionen sorgt dafür, dass sich Emotionen und Schmerz gegenseitig beeinflussen können.

Bewegung

Regelmäßige Bewegung kann Schmerzen lindern. Unser Körper setzt bei körperlicher Aktivität Opiate und Endorphine (Glückshormone) frei, die ähnlich wie Opioide schmerzlindernd wirken. Endorphine haben außerdem eine positive Auswirkung auf unsere Stimmung.

Eigenes Verhalten

Schmerz verändert unser Verhalten. Und unser Verhalten beeinflusst den Schmerz. Faktoren wie Schonungsind bei akuten Schmerzen sinnvoll. Werden diese Faktoren allerdings gelernt und somit zur Gewohnheit, können sie eine Schmerzchronifizierung begünstigen. Das heißt, die Schonhaltung bringt zunächst eine Schmerzlinderung, also einen positiven Effekt. Langfristig begünstigt sie aber die Schmerzen durch Lernvorgänge und kann durch Verspannungen neue erschaffen. Das gilt auch für andere Verhaltensweisen. Unser Schmerzverhalten kann auf unterschiedliche Art durch Lernen beeinflusst werden.

Verhalten des Umfeldes

Nicht nur das eigene Verhalten, sondern auch das Verhalten unseres Umfeldes hat Einfluss auf das Schmerzempfinden. Ausgrenzung und Druck von außen aufgrund der Krankheit können Schmerzen negativ beeinflussen. Ein unterstützendes Umfeld kann Schmerz erträglicher machen und dabei helfen ihn schneller zu überwinden. Werden zusätzliche Aufmerksamkeit und Mitleid allerdings unterbewusst als angenehmer Nutzen aus der Krankheit empfunden, können sie dazu führen, dass Schmerzen unbewusst stärker empfunden werden. Auch das Umfeld kann also Schmerzchronifizierung begünstigen.

Soziale Integration / Social Connection

Das Maß der sozialen Integration hat einen Einfluss auf unser Schmerz empfinden. Die Aussage, dass Einsamkeit eine Art sozialer Schmerz ist, ist mehr als eine Metapher. Andersherum kann eine gute soziale Integration dafür sorgen, dass der Einfluss, den Schmerz auf uns hat, verringert wird.

Erwartung

Wie stark ein Schmerz empfunden wird, hängt auch damit zusammen, welche Erwartungen dem bevorstehenden Schmerz entgegengebracht werden. Gab es in der Vergangenheit bereits ähnliche Situationen, die schmerzhaft waren, ist der Körper bereits alarmiert, noch bevor der Schmerz selbst überhaupt eintritt.

Denkmuster (Catastrophizing)

Catastrophizing beschreibt ein unbewusstes Denkmuster. Es hat nichts mit Übertreiben zu tun, sondern beschreibt einen nachweisbaren Prozess im Gehirn. Situationen und auch Schmerzen in der Zukunft oder der Gegenwart werden in einer Art Spirale schlimmer und schlimmer beschrieben. Der oder die Betroffene nimmt meist an, dass das Schlimmstmögliche eintreten wird und eine Besserung nicht möglich ist. Beispielsweise macht sich fast jeder Student Gedanken um seine Noten. Manche machen sich wirklich Sorgen. Jemand der katastrophisiert entwickelt daraus das Gefühl auf jeden Fall durchzufallen. Darauf folgt dann das Gefühl, gar nichts zu können und niemals diese Prüfungen oder irgendetwas zu schaffen, niemals einen Job zu finden. Oft entwickeln Betroffene dadurch ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ein solches Denkmuster kann dazu führen, dass Schmerzen als intensiver empfunden werden, als sie es eigentlich wären – das Gehirn verstärkt sie. Und das hat nichts mit Einbildung zu tun, sondern mit Lernprozessen im Gehirn. Die gute Nachricht – Denkmuster kann man bearbeiten. Diese können also auch zur positiven Beeinflussung von Schmerzen genutzt werden!

Resilienz

Als Resilienz wird eine psychische Widerstandskraft bezeichnet, die in Krisensituationen zur Bewältigung genutzt werden kann, ohne anhaltende Beeinträchtigung zu hinterlassen. Häufig nutzen resiliente Persönlichkeiten schwierige Situationen, um persönlich daran zu wachsen und haben hilfreiche Kompetenzen die den Umgang mit Veränderungen der Lebenssituation einfacher machen.  Resilienz hat außerdem einen schützenden Einfluss auf chronische Schmerzen und Schmerzlevel. Resilienz ist eine Eigenschaft, die erlernbar ist und einen positiven Einfluss auf unser Schmerzempfinden haben kann. Es kann also doppelt sinnvoll sein seine Resilienz zu stärken!

Stress

Ebenso wie negative Gefühle, hat auch Stress eine Auswirkung auf unser Schmerzempfinden. Ein wichtiger Faktor bei chronischen Schmerzen ist die Wahrnehmung von Stress und Stressreaktionssystemen. Es besteht eine komplexe Beziehung zwischen der körperlichen Stressantwort und chronischen Schmerzsymptomen.

Sexualität

Schmerzen beim Sex sind ein häufiges Symptom von Endometriose. Sex kann allerdings auch sehr positive Auswirkungen haben. Besonders Sex in Verbindung mit einer positiven Partnerschaftsbeziehung sorgt vermehrt für die Ausschüttung von Botenstoffen, die uns Schmerzen weniger stark empfinden lassen. Daher ist der Einflussfaktor Sexualität eng geknüpft an den Einflussfaktor Emotionen.

Weitere körperliche Faktoren

Neben dem Gehirn als Einflussfaktor für Schmerzempfinden gibt es körperliche Faktoren und Vorgänge, die unser Schmerzempfinden beeinflussen können. Informationen zu diesen Vorgängen werden zwar trotzdem zum Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet, ihre Ursache liegt in der Regel aber auf zellulärer Ebene.

Weitere körperliche Faktoren sind:

Entzündung

Oxidativer Stress

Immunsystem

Referenzen

1.
Baron R, Koppert W, Strumpf M, Willweber-Strumpf A, editors. Praktische Schmerzmedizin [Internet]. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2013 [cited 2020 May 13]. Available from: http://link.springer.com/10.1007/978-3-642-37605-4
1.
Basbaum AI, Bautista DM, Scherrer G, Julius D. Cellular and Molecular Mechanisms of Pain. Cell [Internet]. 2009 [cited 2020 May 13];139(2):267–84. Available from: https://linkinghub.elsevier.com/retrieve/pii/S0092867409012434
1.
Wachter M. Chronische Schmerzen: Selbsthilfe und Therapiebegleitung Orientierung für Angehörige Konkrete Tipps und Fallbeispiele [Internet]. Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg; 2012 [cited 2020 Apr 27]. Available from: https://doi.org/10.1007/978-3-642-19613-3
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